Es geht um ein Spiel, das keinerlei wirkliche Spielelemente enthält. Es wird die Geschichte der Familie Green dargestellt, deren fünfjähriger Sohn 2014 an Krebs starb. Erzählt und dargestellt werden die Erlebnisse, Gefühle und Gedanken durch den Vater Ryan Green, ab und an ergänzt durch seine Frau Amy. Dass ich emotional berührt werde, habe ich schon vor Spielbeginn vermutet; nach Beenden des Spiels sind es allerdings andere Emotionen, als vorher erwartet.

Persönliche Metaphern ersetzen erzählte Geschichte

Mit That Dragon, Cancer wurde das vermutlich persönlichste Spiel des Jahres geschaffen. Ryan Green gewährt uns Zutritt zu seinen intimsten Sorgen und Gedanken, zu privaten Dialogen zwischen ihm und seiner Frau und zu Krankenhausaufenthalten und Arztgesprächen. Trotz dessen findet sich hier kein Bericht über den Verlauf der Krankheit, sondern eine Art autobiografische Erzählung. Das Wort Erzählung ist jedoch mit Vorsicht zu genießen, da das gesamte Spielkonzept auf Metaphern aufbaut, die der Visualisierung der Gefühle dienen. Das Konzept geht auf, da Worte allein vermutlich nicht reichen würden, um alle Erlebnisse unverfälscht auszudrücken.

 

 

Fehlendes Verständnis durch fehlendes dramaturgisches Konzept

Leider funktioniert das Spiel nicht so, wie vielleicht erhofft. Der Spieler gerät durch häufige Perspektivwechsel eher in Verwirrung als Verzweiflung. Auch wenn man sich gut in solche Situationen einfühlen kann, selbst mit guter Empathie kommt man nicht vollständig in die Story hinein. Zu viele verschiedene Situationen folgen mehr oder weniger chronologisch aufeinander, sodass einem oft der Zusammenhang fehlt. Es ensteht einfach keine aktive Anteilnahme an Ryans Schmerz (und manchmal auch Freude); Gefühle stellen sich oft nur durch ein kurzes Aufarbeiten des Gehörten und Gesehenen ein, was insgesamt doch recht passive Gefühle bewirkt. Sicherlich ist meine Anteilnahme echt – dennoch baute sie sich erst in den Ladebildschirmen auf.

Zusätzlich zur eigenen Geschichte ist das Spiel in verschiedenen Krankenhausszenen mit persönlichen Bildern oder Karten durch Kickstarterbacker geschmückt. Wer sich die Zeit nimmt und alles durchliest, erhält nochmal ein ganz anderes Gefühl der Trauer und Anteilnahme; allein weil die Masse an Verstorbenen (Kindern) so immens hoch ist. Doch auch hierdurch ensteht keine wirkliche Verbindung zur Hauptgeschichte.

Fazit

Insgesamt fehlt dem Spiel ein durchdachtes dramaturgisches Konzept. Die eigentliche Idee der Familie wurde auf Kickstarter wie folgt beschrieben: „Wir haben That Dragon, Cancer erschaffen, um die Geschichte unseres Sohns Joel und die seines vier Jahre dauernden Kampfes gegen den Krebs zu erzählen“. Was jedoch tatsächlich erlebt wird, sind Bruchstücke und Umrisse einer eigentlich sehr komplexen Story. Für mehr Spieltiefe fehlt eine Verbindung dieser Stücke und mehr Charaktertiefe. Die zwei Spielstunden hinterlassen im Endeffekt ein unzufriedenes Gefühl von Verwirrung, Trauer, Angst und Anteilnahme durch zitierte Fragmente der Vergangenheit ohne Verbindung zum Spieler.

 

★★★☆☆

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That Dragon, Cancer: 3D Adventure, Walking Simulator

Entwickler und Publisher: Numinous Games

Release: 12.01.2016

Plattform(en): PC, Mac

 

Ein Kommentar zu „[Test] That Dragon, Cancer – Fragmente einer schmerzhaften Vergangenheit

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