Jeder kennt sie, viele verfolgen sie, für viele sind sie nicht wegzudenken aus der Videospielwelt: Wertungen und Portale, die diese zusammenrechnen. Diverse Tester und Redakteure vergeben persönliche Wertungen für Videospiele auf unterschiedlichen Skalen (mal von 1-10, mal von 1-100, mal von 1-5) und Portale wie Metacritic geben eine berechnete Gesamtwertung aus. Warum ich das für völlig überbewertet und vor allem falsch angewendet halte, erfahrt ihr in diesem Artikel. 

Wie funktioniert Metacritic überhaupt?

Vereinfacht gesagt rechnet Metacritic, wie oben beschrieben, Wertungen vieler verschiedener namhafter Redakteure zusammen und teilt schlussendlich eine Durchschnittszahl mit. Der höchste Wert liegt hier bei maximal 100 %, und da kommen wir schon zu ersten Problemen. Skalen, die von 1-100 werten (zum Beispiel die Gamestar) lassen sich natürlich einfach in Metacritic übertragen, nämlich 1:1. Skalen, die nur von 1-5 laufen, haben es schon etwas schwerer. Hier wird oftmals mit gerundeten Werten gerechnet, was besonders in der Masse die Endwertung deutlich beeinflussen kann. Zudem fügt Metacritic nicht nur Zahlen ein, sondern wertet auch Reviews, die ohne Sterne, Punkte oder sonstiges auskommen. Im Klartext heißt das, eine überschwänglich geschriebene Review bekommt bei Metacritic teilweise den Stand einer 100 %, was ich für fatal halte.

Durch all diese Punkte ergibt sich nämlich oftmals ein Wert, der deutlich höher liegt, als der allgemeine Konsens es vermuten lässt. Auf diese Art kommen die vielen 90 % + Wertungen auf Metacritic zustande, die sich in den allermeisten Fällen nicht rechtfertigen lassen. Publisher der Spiele freuen sich über dieses Prinzip natürlich, da sich sehr hohe Zahlen hübsch auf Spielepackungen machen und als Verkaufsargument vermarkten lassen.

Warum ich Wertungen im Allgemeinen schwierig finde

Ich finde Wertungen nicht gut, weil sich hier eine eindeutige Problematik verbirgt, die noch weiter geht als das oben beschriebene: Was mache ich mit einem Spiel, was ich wirklich gut finde? Aktuell wird viel über die sehr hohe Wertung von Breath of the Wild diskutiert. Fans finden die 97 absolut treffend, Kritiker meckern, dass sie mal wieder viel zu hoch und im Zweifel gekauft sei und wehe, ein Videospielkritiker vergibt eine niedrige Wertung. Im Falle von Jim Sterling, welcher „nur“ eine 7/10 gegeben hat, zeigt sich das ganze Ausmaß: er bekam sogar Morddrohungen.

Natürlich kann man sagen, wenn das Spiel gut ist und ich (als Journalist) kaum Kritikpunkte finde, gebe eine 10/10. Nach einer Weile kommt ein neues Spiel, das noch viel besser als das Alte ist – gibst du auch hier wieder die volle Punktzahl, stellst du nicht annähernd die höhere Qualität des neuen Titels heraus. Gibst du allerdings per se jedem neuen Spiel eine schlechtere Wertungen mit dem Hintergedanken, dass noch bessere Titel kommen könnten, tust du den zweifellos fantastischen Werken Unrecht.

Außerdem muss man ganz klar sagen, dass solche Bewertungsskalen mittlerweile extrem verzerrt betrachtet werden. Für viele Leute bedeutet eine 7/10 schon eine schlechte Wertung, wobei die schlechten Wertungen eigentlich von 1-3 liegen sollten. Der Bereich einer 4-7 ist schlechtes bis gutes Mittelfeld und alles drüber sind sehr gute Wertungen – zumindest, wenn man logisch an die Sache heran gehen würde. Doch dank der übermäßig vielen hohen Wertungen von Videospielen betrachten sogar Journalisten die Sache völlig falsch.

Allgemein lassen sich zu viele Spieler von Wertungen beeinflussen. Ich sehe natürlich auch die Wertungen, beispielsweise bei Steam, bevor ich mir einen neuen Titel zulege. Dennoch bin ich ein Fan davon, Dinge einfach selbst zu testen, statt sie vorher zu verurteilen. Sich sein eigenes Bild machen ist immer der bessere Weg, den jedoch fast niemand einschlägt. Dabei wird es einem in Zeiten von Rückgaberechten (besonders bei digitalen Käufen) doch wirklich einfach gemacht, sich ein Spiel anzuschauen und seine eigene Meinung zu bilden.

Der bessere Weg?

Ich habe mich bereits selbst an Wertungen versucht und bin kläglichst gescheitert. Für mich habe ich festgestellt, dass trotz Abwägen aller Vor- und Nachteile eine Wertung in Zahlen eher willkürlich geschieht und ich tatsächlich davor abschrecke, schlechte Wertungen zu vergeben. Besser finde ich die guten alten Reviews – ohne den kleinen Teil mit den Punkten am Ende. Die kann sich jeder durchlesen und somit seine eigene Meinung bilden, ob man das Spiel nun kaufen möchte oder nicht, ohne sich von einer vermeintlichen 7 abschrecken zu lassen. Für Lesefaule finde ich zusätzliche Pro-/Con-Tabellen am Ende eines Textes optimal, da diese im Zweifelsfall schnell überflogen werden können, um einen Eindruck über die Gesamtwertung zu bekommen.


Natürlich bin ich kein Metacritic-Experte und die geschilderte Vorgehensweise ist stark vereinfacht dargestellt.

5 Kommentare zu „[Kolumne] Warum ich Wertungssysteme abschaffen würde

  1. Die Tendenz dazu, Tests ohne abschließende Wertungszahl zu gestalten, ist glücklicherweise ja da und breitet sich auch immer weiter aus. Obwohl ich persönlich numerische Wertungen gar nicht grundsätzlich ablehne, sondern dann, wenn sie nicht als absolut verstanden werden, auch ganz interessant finde, weiß ich aus eigener Erfahrung, welch eine Befreiung es auch für den Spieletester selbst ist, die eigene Einschätzung nicht auf eine Zahl herunterbrechen zu müssen. Ich muss allerdings sagen, dass ich die von dir favorisierten Pro/Con-Tabellen nicht weniger problematisch finde. Klar, es bietet einen schnellen Überblick, will man tatsächlich nur wissen, ob ein Spiel nun gut oder schlecht ist, aber fast noch stärker als die distanzierten, numerischen Endwertungen bricht es ein Spiel auf simple Schwarz-Weiß-Dualismen herunter. Ein gut geschriebenes Fazit, das die Meinung des Kritikers auf den Punkt bringt, ohne dabei notwendigerweise alle Pros und Cons des Spiels zu berücksichtigen, finde ich da interessanter.

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    1. Ja, auch da muss ich dir Recht geben. Ich glaube auch, dass es nicht den einen perfekten Weg gibt, Videospiele zu bewerten. Ein Fazit macht idR auch mehr Sinn, dennoch sehe ich hier das Problem, dass viele Leser (hauptsächlich im Netz) dazu neigen, Texte nur zu überfliegen. Ein gut geschriebenes Fazit gemeinsam mit einer Tabelle wäre hier eine gute Möglichkeit, auch Lesefaule zu informieren; dennoch bin ich gespannt, was die Zukunft uns bringt. Es gibt bestimmt noch mehr Wege, Spiele zu bewerten, die mir gar nicht in den Sinn kommen.

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  2. Ja, die Wertungsaggregatoren und Wertungen allgemein sind wirklich ein schwieriges Thema, das die Spieler wohl wie kein anderes spaltet. Ich persönlich finde auch, dass die klassischen Wertungssysteme inzwischen völlig überholt sind und zum Teil auch einen spürbar negativen Einfluss auf Spieler und Entwickler haben. Manche Publisher machen bestimmte Zahlungen an die Entwickler ja sogar von Metacritic und Co. abhängig. Auf meinem Blog verzichte ich daher auch ganz darauf. Gerade für größere Seiten ist der Verzicht auf Wertungen aber mit einem großen Risiko verbunden, denn sehr viele Spieler wollen unbedingt diese Zahl am Ende und lesen Tests nicht selten nur um darüber zu diskutieren. Pro/Contra am Ende finde ich eigentlich auch nicht verkehrt, aber wie Sylvio schon sagt, bringt das eben auch wieder so seine Probleme.

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    1. Das besonders größere Seiten hier in der Bredouille stehen, stimmt auf jeden Fall. Es ist einfach ein System, was sich durchgesetzt hat, weshalb man das Wertungssystem auch sicherlich nicht von heute auf morgen abschaffen kann. Ich würde mir wünschen, dass mehr Redakteure über die Thematik nachdenken und vielleicht nach und nach neue Systeme einführen, die viel besser passen. Der von mir vorgeschlagene Weg ist da nur eine Möglichkeit, es gibt bestimmt noch zahlreiche weitere, die gut funktionieren können. Hier müssten sich auch größere Magazine einfach mal ranwagen und die Leser auch über Änderungen zur Genüge informieren, damit auch sie verstehen, warum das klassische Wertungssystem nicht zwingend der beste Weg ist.

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